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"There are three kinds of lies: lies, damned lies, and statistics."
• • • • • (bewertet mit 5 von 5 Punkten)
Vielleicht hat Premierminister Benjamin Disraeli diese klugen Worte niemals geäußert - die einen sagen so, die anderen so. Womit wir ebenfalls wieder beim Thema wären: "Thank You for Smoking", ein filmisches Meisterstück von Jason Reitman aus dem Jahre 2005, zeigt uns, daß man so ziemlich alles beweisen kann, wenn man in der Kunst des Argumentierens geschult ist und unter nicht allzu großen Skrupeln leidet.
Nick Naylor (Aaron Eckhart) ist Lobbyist der Tabakindustrie, und seine Hauptaufgabe ist es, die von Ärzten und Politikern geschürten Befürchtungen, nach denen Rauchen die Gesundheit ruiniert, rhetorisch geschickt zu widerlegen, gleichsam Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Und sein Feuer ist brillant, denn eigentlich - so sollte man meinen - ficht er doch auf verlorenem Posten, denn wer zieht eigentlich noch die verheerenden Folgen übermäßigen Tabakkonsums in Zweifel? Und doch gelingt es Naylor immer wieder, durch (psycho)logische Winkelzüge die so sicher geglaubten Binsenweisheiten arg tonfüßig erscheinen zu lassen. Welchen abgrundtiefen Zynismus er dabei anwendet, wird dem Zuschauer recht schnell deutlich, wenn er miterleben darf, wie der aalglatte Lobbyist in einer Talkshow, in der er anfangs noch alle Anwesenden gegen sich hat, einen krebskranken Jugendlichen geschickt für sich vereinnahmt. Naylors alltägliche Lügen und Logikmanöver rechtfertigt er vor sich und seinen Vertrauten damit, daß er doch ein Haus abzubezahlen habe, in dem nun allerdings seine geschiedene Frau mit ihrem neuen Lover wohne. Ein wenig zu sicher fühlt er sich gleichwohl, denn allzu vertrauensselig plaudert er über seine Prinzipien - oder vielmehr deren Mangel - mit der jungen Journalistin Heather Holloway (Katie Holmes), die sich seine Offenheit ganz einfach erschläft und dann einen vernichtenden Artikel über ihn schreibt, weil ja auch sie ein Haus abzubezahlen hat. Zu allem Überfluß steht auch noch eine Anhörung mit dem überzeugten Anti-Raucher Senator Ortolan Finistirre (William H. Macy, den wir aus "Fargo" als glücklosen Ränkeschmied kennen) an, und außerdem erhält er von unbekannten Aktivisten Morddrohungen.
Eine Handlung im klassischen Sinne hat dieser hervorragende Film eigentlich nicht, und doch langweilt er keine einzige Minute, denn zu geschickt wird unser bisheriges Denken über die Unsitte - oder die Kulturtechnik - des Rauchens ins Wanken gebracht. Senator Finistirre beispielsweise ist der eigentliche Unsympath der Non-Story: Selbstzufrieden, aber beseelt von seiner Mission, das Rauchen zu verbannen, kommt auch er als übler Zyniker daher, etwa wenn er seinem Untergebenen erklärt, daß man, wenn man krebskranke Jugendliche als warnende Beispiele gegen das Rauchen in Talkshows holt, man darauf achten müsse, daß diese nicht mehr richtig sprechen können und auf jeden Fall im Rollstuhl sitzen. Da fragt man sich doch sofort, inwieweit es gerechtfertigt ist, Einzelschicksale für die gute Sache medienwirksam zu instrumentalisieren - wie dies ja auch Michael Moore schon oft tat. Völlig absurd tritt Finistirre dann gegen Ende des Filmes auf, als er fordert, aus alten Filmklassikern die Zigaretten herauszutricksen, und auf die Frage der Journalistin, ob man damit denn nicht die Vergangenheit verändere, erwidert, nein, man v e r b e s s e r e sie lediglich (es folgen dann auch ein paar nett entstellte klassische Filmbilder). Big Brother und Minitru lassen hier übrigens grüßen.
Wie ein echter Diamant, so hat auch "Thank You for Smoking" jede Menge kleiner Schliffe, in denen sich das Licht der Erkenntnis spiegelt. Achten Sie einmal auf die Lamellen vor den Fenstern von Naylors Boß. Na, wie sehen die aus? Auch die Namen der Akteure sind ziemlich klug gewählt. "Naylor" könnte beispielsweise eine Anspielung auf (Sarg)nägel sein, und Finistirre ruft den alten Lateiner auf den Plan und klingt gleichzeitig ein wenig wie unser deutsches Wort "finster". Auch der Name "Holloway" paßt, denn am Ende steht die Journalistin ziemlich blöde da ...
Dann gibt es jede Menge Arabesken, wie beispielsweise die Episode, in der Naylor dem inzwischen an Krebs erkrankten Malboroughmann (Sam Elliott - brillant) ein Bestechungsgeld überbringen muß. Wie er das tut und dabei den aufrechten Cowboy korrumpiert, bereitete mir wirklich diebisches Vergnügen. Sam Elliott, ganz der ehrliche und gerade Westerner, den er stets spielt, wollte übrigens nicht, daß seine Figur das Geld annimmt, aber so, wie der Film ist, ist er schon passender. Auch Hollywood bekommt sein Fett weg, wenn Naylor die Möglichkeiten auslotet, Schauspieler - auch die Helden, nicht nur RAVs, d.h. "Russen, Araber und Verbrecher" - in Filmen wieder mehr rauchen zu lassen.
Ein weiteres Bonbon sind die Abendessen von Naylor und zwei anderen Lobbyisten, die die Waffen- und die Alkoholindustrie vertreten; absurd wird es, wenn die zwei Männer und die Dame sich um die zweifelhafte Ehre streiten, die Industrie zu vertreten, die die meisten jährlichen Todesopfer verursacht, und der Waffenlobbyist abgeschlagen auf dem letzten Platz liegt.
Trotz seines Zynismus ist Naylor eigentlich kein unsympathischer Charakter, denn er bemüht sich redlich - nein, redlich wohl nicht -, seinem heranwachsenden Sohn (Cameron Bright) ein guter Vater zu sein, indem er ihn gegen die scheinbar so einleuchtenden und unumstößlichen Wahrheiten, die ein guter patriotischer Amerikaner nachzuplappern hat, zu feien versucht und ihn lehrt zu argumentieren. Das kann der Sohn denn auch hervorragend.
"Thank You for Smoking" ist ein viel zu kluger Film, als daß er am Ende in larmoyante Moralphrasen abglitte - das muß auch Senator Finistirre zu seinem Leidwesen erkennen, als er gegen Naylor ein traditionelles argumentum ad hominem ausspielen will. Naylor setzt auf die Kraft des menschlichen Verstandes - den er mit seinen Schachzügen doch eigentlich gewohnheitsmäßig überrumpelt - und die von dieser getragene autonome Entscheidung und Eigenverantwortung des Individuums, im vorliegenden Falle seines Sohnes. Insofern ist diese absolut gelungene Satire denn auch wieder pädagogisch, auch wenn diese Pädagogik der Eigenverantwortung manchem so herb wie unverblendeter Latakiatabak schmecken dürfte.
Eine Rezension von Tristram Shandy >
vom 20. März 2010 | | | | | | | |
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